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13.5. judy jane, oder wie die tour zuende ging

in
vom "Bett" in die Berge Nordhessens


liebes tourtagebuch, wer ist unser publikum? es bringt entweder die kinder ins bett oder muß morgens raus, um sie in die schule zu bringen. oder abends noch arbeiten. das heisst, sie sind zu müde, sich noch ein konzert reinzuziehen. manche haben noch keine kinder, weil es a) zu spät ist, oder b) zu früh. und manche kommen MIT ihren kindern. die machen sich auf den eher weiten weg ins frankfurter niemandsland, irgendwo im industriegebiet. und betreten einen wunderbaren club, ein raumschiff namens "das bett", das sich zwischen Aldi, Avis und Maserati Autovertretung verirrt hat. wir haben eine wunderbare zeit in der band, gemessen daran, wieviel wir lachen und wie gerne wir zusammen spielen. seit FFM ist auch martin wenk dabei und ohne übergang integriert. es war eine große ehre, eine alte freundin meiner familie, la grand dame brigitte, im publikum begrüßen zu dürfen. brigitte ist heute mitte siebzig und so ungefähr der erste kultivierte mensch in meinem leben. gerade weil sie mir als baby den rauch ihrer marlboros ins gesicht gepustet hat.

was habe ich in den letzten wochen nicht für denkwürdige wieder-begegnungen haben dürfen! meine ältesten schulfreunde, nachbarskinder aus den frühen 70ern. und da die "schönen schmerzen" wohl kein einzelfall sind, bzw. daß, was auf dem album sich verhandelt, bei einigen widerhall findet, kommt es oft vor, daß man mir begegnet, als hätten wir ein sehr persönliches gespräch geführt, das album setzt eine gefühlte intimität, einen vertrauensvorschuß in kraft.dabei habe ich manche seit 30 jahren nicht gesehen!  

der nächste tag führt tiefer in die vergangenheit, als ich
für möglich gehalten hätte. und eigentlich ist sie ja auch gar vergangen, die vergangenheit, zum beispiel in meiner alten heimat, den bergen nordhessens (da sind wir ende 1973 hingezogen). denn sie sind alle noch da, die leute, oder jedenfalls viele von früher. beim tourabschlußkonzert in der galerie in rotenburg/fulda sehe ich kurz vor dem ersten song meinen alten schulfreund hasti in der ecke des raumes mit dem ihm eigenen grinsen. ich schwöre, in dem moment wusste ich, daß alles nicht nur ok, nein daß es super werden würde. man hatte mir gesagt, daß hasti extra aus göttingen kommen würde. andere kamen aus giessen und gotha und von sonstwo her in diese kleine stadt, in der wir 1974/75 für die errichtung eines jugendzentrums agitiert hatten (das uns dann bei eröffnung garnicht mehr so interessierte).
dann kam johnny (name nicht verändert): "ey niggo!", manche leute verändern sich NULL in drei jahrzehnten, na gut, vielleicht etwas graueres haar. "wie geht es judy?" frage ich ihn. daß judy seit einem jahr tot ist, ob ich das nicht wüsste. zum schluß war sie im betreuten wohnen, aber die vielen medikamente und so... relativ lapidar kommt das. so, daß ich es erstmal wegstecke. später, beim konzert, komme ich dann doch ins erzählen. daß man nur einmal 15 ist, 16,17,18. und daß man natürlich eine innere und eine äussere (musikalische) welt hat. in meinem fall gab es eben zappa und beefheart und weather report etc.. das, was cool war, oder was man für cool hielt. und dann gab es ein wahnsinns-mädchen namens judy jane. die von einer bitteren alten dame und ihrem alten nazi mann adoptiert worden war. judys echter mutter war es zuviel, seitdem sich der G.I., ein indianer, der judys vater war, aus dem staub gemacht hatte. und so wollte die alte frau aus judy immer jutta machen. ich weiß nicht, wie lange der kampf ging. ich weiß auch nicht, wann judy adoptiert wurde, aber es muß so gewesen sein, daß sie wohl doch die ersten jahre mit ihrer leiblichen mutter verbracht haben muß (was die sache noch schlimmer macht). jedenfalls traf ich sie 1978, nachdem mit johnny und ihr schluß war, am "anger" in bebra. von dort aus ist man zum baggerloch gefahren oder in irgendeine disco. die gitarre hatte ich meistens auch dabei. und judy kannte die musik, die songs, sie schien zu wissen, warum wer was sang. es war einfach etwas anderes, musik nur zu hören, wenn sie im raum war. alles bekam einen anderen ernst, oder besser, tiefe.
na klar war das mädchen musik, aber mit todessehnsucht, jim croce lebte schon nicht mehr. john lennon noch.
nun war das auch der sommer, glaube ich, in dem wir "die leiden des jungen w." gegenüber "die neuen leiden des jungen w." stellten. deutsch leistungskurs. in der dunklen schönheit der brüder grimm berge waldhessens. in der totalen freiheit totaler provinz.
kurz wollen mir die tränen in die stimme, aber ich schaffe zu sagen, daß ich eben ohne judy und die singer songwriter der 70er garnicht wüsste was ich heute machen soll. und dann singe ich mir den shit aus dem leib.

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