report einer bewegten aprilwoche
liebes blog,
es schreibt sich irgendwie anders, wenn man im tourbus sitzt. die verflüssigung der berliner stadtneurosen in der leichtigkeit des aprils. easy living. für kurze zeit mal jedenfalls. "berlin mitte ist das disneyland der pseudos" sagt christoph waltz. leicht gesagt aus hollywood, als er noch serien drehen musste zum geldverdienen, war ihm pseudo gut genug. aber man versteht was er meint.
dirk darmstaedter der gute hat mich in einer ruhigen hamburger gegend untergebracht. ich konnte schlafen wie ein bär dort. dies trug nicht zuletzt dazu bei, daß die session zum neuen " Me&Cassity " album so durchaus fruchtbar waren. ben schadow und lars plogtschies an bass und drums, und ganz wundersam wurde aus dem "le chatelet" studio in hamburg altona mal eben kurz ein raumschiff, das im L.A. von 1973-76 landet. 24 analogspuren leuchten dich rot auf scharf gestellt an und wollen s wissen. jetzt. ohne edits. 2 titel pro tag 5 tage lang = 10 songs. dirk is a man of preparation, not too much, just about the right dosage. you learn with time. lange hatte ich keine so dankbare musikalische aufgabe. und das Nord Stage Piano ist eine wundertüte!!
allerdings war ich dann gestern nach den 5 tagen so alle wie lange nicht. mit 2 gitarren, dem Nord, reise- und umhängetasche bepackt in den falschen zug auf gleis 10 in hannover. muß mich doch sehr wundern, daß auf dem bahnsteigschild dann "berlin spandau" steht anstatt "magdeburg". oh my fkking god. zurück über stendal. dort ist es dann plötzlich so end-öde, die zeit immer noch stehen geblieben zwischen den gleisen, daß nichts hilft ausser einen songtext anzufangen.
auf der bühne des netten blue note club in magdeburg werde ich dann wach beim vorlesen. das lesen hilft, daß die leute dann bei den songs besser zuhören. vor allem, wenn ich die story mit einem song unterbreche, bleibt die spannung. vielleicht sehe ich etwas over the top aus mit augenklappe UND brille, aber was soll s?
francesco und "The Band" werden immer besser. so schön und leicht schwebt und swingt das, getragen auf kontrabass, banjos im tiefflug. gestern hat er sich damit zurückgehalten, doch lasst Euch sagen: wenn francesco den italiener in sich rauslässt, schmelze ich vollends. es ist der römische akzent aus der heimat seiner mutter, in dem er da redet. jeder der lucio battisti oder lucio dalla liebt, wird hier abgeholt werden. es ist zum niederknien, der heisere sound seiner stimme findet auf einmal noch ein ganz anderes zuhause in den inflektionen seiner im wahrsten sinne des wortes "mutter"sprache..
apropos mutter, wir sind auf dem weg in meine geburtsstadt, wenn das bayer kreuz, die deutzer brücke und der Dom am horizont erscheinen, werden sie wieder wach, die ersten kindheits-bilder von autofahrten, im VW Käfer, tief in den 60ern. wer als erster "bayer kreuz" rief, hatte gewonnen.
es wird auch einen neuen song geben heute abend, "immer noch da".
und hier mal die geschichte, die ich gestern in magdeburg vorgelesen habe.
im "Club Manhattan"
bebra war ein eisenbahnerkaff, ein proletarischer ort mit bäuerlichen wurzeln, welten entfernt vom schmucken, 900 jahre alten handwerker- und residenzstädchen rotenburg, keine 6 km die fulda flußaufwärts. doch auch hier hatten die verwerfungen des krieges die verhältnisse verschoben. genau hier, an dieser verschlafenenen stelle hätte der dritte weltkrieg beginnen können. 1974 leben wir mitten im kalten krieg. rotenburg ist 20 km von der DDR-grenze, der zonengrenze, dem "eisernen vorhang", entfernt, "zonenrandgebiet" nennt man das. es gibt gesetze, z.b. zur "zonenrandförderung", die es so manchem unternehmer leicht machen sollen, hier zu investieren. viel gravierender ist aber die militärische situation. ich will nicht behaupten, daß einem das wirklich angst machen würde: doch überall sind soldaten unterwegs, von bayern nach rheinland pfalz bis hier hoch nach nordhessen gibt es hunderttausende amis, G.I.s genannt. doch niemand macht den eindruck, der krieg würde vor der tür stehen. sie sind zur abschreckung hier, freundlich-ignorant, mitten in deutschland, an der meistbewaffneten grenze der welt. 50 km entfernt vom "Fulda Gap", wo sich atomare sprengköpfe gegenüber stehen, mit namen SS 20 und pershing. wo 120 sogenannter taktischer atomsprengköpfe in schächten darauf lauern, den erwarteten vormarsch der roten armee zu brechen. wo sich der antifaschistische Schutzwall der DDR durch die liebliche landschaft zieht, wie ein reißverschluß entlang einem liegenden frauenkörper, und so eine nicht zu ignoriende, schreckliche schönheit verbreitet.
das verpennte rotenburg an der fulda war irgendeinem landgraf von hessen immerhin ein barockes residenzschloss wert, mit einem schönen park am wehr, wo der fluss sich staut. später wollte die bundeswehr bei der abschreckung mitmachen und baute eine panzerkaserne in die landschaft. vor allem aber wurde für die vertriebenen aus dem verlorenen osten deutschlands ein ganzes neues viertel, die sogenannte"hochmahle" hingestellt. mit strassennamen wie "danziger" und "königsberger". wir wohnten etwas den berg hinauf in der breslauer strasse. nachts fuhren die panzer nach ihren übungen auf der 200 m entfernten ausfallstrasse zurück in die kaserne und machen mit ihren Ketten einen höllenlärm.
auf der 30 jahre abiparty kommt heraus, als was für eine grosse sünde es galt, zu den amis in den "club manhattan" zu gehen. vor allem die kinder der lehrer unseres altehrwürdigen gymnasiums geben zu protokoll, als was für ein no-go es galt, zu den G.I.s und ihrer musik oder gar ihren drogen zu gehen. hier kommt mir zur abwechslung mal die ignoranz meiner eltern zu gute. die hatten auf ihre art gar keine ahnung, wo sie waren, so beschäftigt waren sie mit sich und dem unvermittelt eingetretenen erreichen der beruflichen ziele meines vaters.
jedenfalls haben sie nichts dagegen, meine eltern, bzw. wissen sie überhaupt nicht, daß ich mit ein paar cracks aus der oberstufe angebändelt habe, im sommer 1975. was mich überzeugte, daß ich trotz meiner noch nicht ganz 14 jahre reinkommen würde in den "club", war mein samtjacket.
ich bin wohl doch sehr der sohn meines vaters. vielleicht einfach, weil ich mich nicht wehren konnte. mein vater ist ein versprengter großstadtjunge aus dem reichen berliner westen. der krieg und der nachkrieg sind die prägenden erfahrungen seiner generation. die aufstiegsträume der "herrenrasse", also der bourgeosie berlins - wie vermutlich die (fast) ganz deutschlands - haben sich nicht erfüllt. beziehungsweise, so erscheint es heute: sie mussten sich vielleicht nur modifizieren.
wie die meisten seiner klassenkameraden kehrt er berlin ende der 50er jahre den rücken und bleibt doch im grunde mit einem guten teil seiner person immer dort. 1974, am höhepunkt seiner karriere als kardiologe, leistet er sich, in der grunewalder villa seiner eltern eine partywohnung einzurichten. alles wird komplett mit einlegeteppichen überzogen, grelle, wilde farben an den wänden, orgientaugliche liegelandschaften, runde lampen von der decke herab, glastische, poppige stereoanlagen, surrealistische bilder an den wänden. einmal mehr überrascht er einen mit einer neuen inkarnation, die in ihm geschlummert haben muss. der nachbar ein redakteur des renommierten tagesspiegels. vaters neuer benz fährt uns in 4 stunden nach hause, nach berlin. unser alter wohnort freiburg im breisgau, so schön es war, war immer zu weit weg. nordhessen war vergleichsweise nah.
irgendwo in einem berliner second hand laden erstehe ich das beige-goldene samtjacket. es passt mir wie angegossen. vater macht einen seiner seltsamen kommentare: "das jacket ist von selbach, da kaufen die schwulen ein". ich kannte selbach, am lehniner platz, der 19er bus fuhr daran vorbei, super schaufenster. mit diesem jacket komme ich an jedem türsteher vorbei. auch an dem vom "club manhattan" in G.I. Hessen.
wie übersetzt man "earth shattering expierience"? vielleicht mit "erdrutschartige veränderung"? jedenfalls schaffen wir es reinzukommen in diese vorort-scheune im sommer 1974. hauptthema des abends ist, an etwas zu kiffen zu kommen und abzurocken. DJ ist ein typ namens lucky. unser anführer ist johannes, genannt "porno", ein internatsschüler aus der oberstufe, er kennt lucky. ich glaube paetzold, clamby und bergmann sind auch noch dabei. ob es was zu kiffen gab weiß ich nicht mehr. der erste joint fällt in diese zeit, ist meiner erinnerung offenbar aber nicht wichtig genug, mich interessiert die musik und was mit mir passierte. parole ist lucky´s "progressive halbe stunde", wo er pink floyd oder led zeppelin, vielleicht auch deep purple oder black sabbath, also irgendetwas weißes, stoned gut zu geniessendes auflegt. mit einem schwung kommen alle bundeswehr-parkas auf die tanzfläche, die girls mit ihren kämmen in der jeansarschtasche dazu.
nehmen wir einen der dauerbrenner dieser zeit, "stairway to heaven". diese "weiße" musik leistete sich dramaturgie. ein ewig langes intro, der gasang setzt ein, alles kommt zur ruhe, nimmt den faden erneut auf, noch ne strophe, das playback baut sich stufe um stufe, fast quälend langsam auf. wenn nach verdammten 4 minuten endlich die unglaublich funkigen drums einsetzen, entsteht auf der tanzfläche wildes, jedoch meist stehendes headgebange, der nebelwerfer tut das seine bis zum orgiastischen finale. wenn er gut drauf ist, der lucky, dann haut er meinetwegen "paraniod" von black sabbath nach. eine erste begegnung mit der schönheit proletarisch- nordenglischer musik, lichtjahre entfernt vom imperial symphonischen glanz eines jimmy page. doch irgendwann bald kommt er, der strenge blick aus der DJ-kanzel, der bedeutet daß jetzt schluß ist mit der "progressiven halbe stunde".
die leute, denen der "club" gehört, wollen ihre tanzfläche zurück. draussen stehen ihre Ami-schlitten, manchmal sind es echte, fette Lincolns, Pontiacs oder Chevrolets, oft sieht man den Ford Mustang, doch für das fußvolk taugt auch ein hochgebockter opel oder deutscher Ford. die autos der G.I.s müssen nicht zum TÜV, die können so breite reifen haben, wie sie wollen, vor allem hinten gerne etwas höher, schon sehen sie nicht mehr deutsch aus. und die afroamerikaner unter ihren besitzern tragen gerne anzüge, mit streifen, glänzend bunte hemden darunter. hüte mit breiten krempen und stiefel mit schlangenmuster. fabelwesen aus einer anderen welt. dagegen bekommt man beim anblick der weissen Amis fast etwas mitleid, denn die hätten nach der mode der zeit so gerne lange haare. doch wie es ist, so kämmen sie, was von ihrem militärischen kurzhaarschnitt übrig bleiben darf, mit gel und pomade nach vorne und sehen dementsprechend absurd aus.
vielleicht hatte ich schon am joint gezogen, oder gar ein bier getrunken, ich hatte einen vagen begriff von so etwas wie "schwarzer" musik. in westdeutschen TV shows der 60er/70er waren unfassbar gute künstler wie ray charles oder ike&tina turner durchaus zu sehen. besonders tinas performance und ihr kurzer rock sorgten für aufruhr vor dem elterlichen bildschirm. aber nichts, rein garnichts hatte mich vorbereitet auf diesen seismischen shift, als nach lucky´s "progressiver halbe stunde" auf einmal ein typ in die menge reinfragt: "can I get up an do my thing?, can I get into it? movin´it, groovin´ ít?" und dann, ein drumfill, da-rat-tat-tat.....
in seiner autobiografie beschreibt albert speer seinen ersten besuch einer hitler-rede an der berliner hasenheide als eine art offenbarung, bei der sich "der boden auftat und ein licht aus der tiefe kommt". mein boden tut sich auf, als die ersten takte von james brown´s "sex machine" beginnen: 1000 jahre musikgeschichte rauschen in sekunden an mir herab und vorbei in dieser scheune am fulda gap und ich befinde mich mitten in einer archaisch-musikalischen geister beschwörung. nicht nur, wie diese "shaft" typen mit den kremp-hüten sich auf einmal bewegen, nein, alles um mich herum sieht auf einmal neu und anders aus, als hätte ich ein raumschiff nach memphis betreten und merkte es erst jetzt.
die deutschen mädchen, die mit den G.I.s abhängen, sind natürlich schlauer als ich und schon längst auf der tanzfläche. jetzt wird auch klar, warum die so anders geschminkt und gekleidet sind als "unsere" girls aus der "progressiven halbe stunde", sie sind schon längst da, wo meine reise erst hingehen sollte.
es schreibt sich irgendwie anders, wenn man im tourbus sitzt. die verflüssigung der berliner stadtneurosen in der leichtigkeit des aprils. easy living. für kurze zeit mal jedenfalls. "berlin mitte ist das disneyland der pseudos" sagt christoph waltz. leicht gesagt aus hollywood, als er noch serien drehen musste zum geldverdienen, war ihm pseudo gut genug. aber man versteht was er meint.
dirk darmstaedter der gute hat mich in einer ruhigen hamburger gegend untergebracht. ich konnte schlafen wie ein bär dort. dies trug nicht zuletzt dazu bei, daß die session zum neuen " Me&Cassity " album so durchaus fruchtbar waren. ben schadow und lars plogtschies an bass und drums, und ganz wundersam wurde aus dem "le chatelet" studio in hamburg altona mal eben kurz ein raumschiff, das im L.A. von 1973-76 landet. 24 analogspuren leuchten dich rot auf scharf gestellt an und wollen s wissen. jetzt. ohne edits. 2 titel pro tag 5 tage lang = 10 songs. dirk is a man of preparation, not too much, just about the right dosage. you learn with time. lange hatte ich keine so dankbare musikalische aufgabe. und das Nord Stage Piano ist eine wundertüte!!
allerdings war ich dann gestern nach den 5 tagen so alle wie lange nicht. mit 2 gitarren, dem Nord, reise- und umhängetasche bepackt in den falschen zug auf gleis 10 in hannover. muß mich doch sehr wundern, daß auf dem bahnsteigschild dann "berlin spandau" steht anstatt "magdeburg". oh my fkking god. zurück über stendal. dort ist es dann plötzlich so end-öde, die zeit immer noch stehen geblieben zwischen den gleisen, daß nichts hilft ausser einen songtext anzufangen.
auf der bühne des netten blue note club in magdeburg werde ich dann wach beim vorlesen. das lesen hilft, daß die leute dann bei den songs besser zuhören. vor allem, wenn ich die story mit einem song unterbreche, bleibt die spannung. vielleicht sehe ich etwas over the top aus mit augenklappe UND brille, aber was soll s?
francesco und "The Band" werden immer besser. so schön und leicht schwebt und swingt das, getragen auf kontrabass, banjos im tiefflug. gestern hat er sich damit zurückgehalten, doch lasst Euch sagen: wenn francesco den italiener in sich rauslässt, schmelze ich vollends. es ist der römische akzent aus der heimat seiner mutter, in dem er da redet. jeder der lucio battisti oder lucio dalla liebt, wird hier abgeholt werden. es ist zum niederknien, der heisere sound seiner stimme findet auf einmal noch ein ganz anderes zuhause in den inflektionen seiner im wahrsten sinne des wortes "mutter"sprache..
apropos mutter, wir sind auf dem weg in meine geburtsstadt, wenn das bayer kreuz, die deutzer brücke und der Dom am horizont erscheinen, werden sie wieder wach, die ersten kindheits-bilder von autofahrten, im VW Käfer, tief in den 60ern. wer als erster "bayer kreuz" rief, hatte gewonnen.
es wird auch einen neuen song geben heute abend, "immer noch da".
und hier mal die geschichte, die ich gestern in magdeburg vorgelesen habe.
im "Club Manhattan"
bebra war ein eisenbahnerkaff, ein proletarischer ort mit bäuerlichen wurzeln, welten entfernt vom schmucken, 900 jahre alten handwerker- und residenzstädchen rotenburg, keine 6 km die fulda flußaufwärts. doch auch hier hatten die verwerfungen des krieges die verhältnisse verschoben. genau hier, an dieser verschlafenenen stelle hätte der dritte weltkrieg beginnen können. 1974 leben wir mitten im kalten krieg. rotenburg ist 20 km von der DDR-grenze, der zonengrenze, dem "eisernen vorhang", entfernt, "zonenrandgebiet" nennt man das. es gibt gesetze, z.b. zur "zonenrandförderung", die es so manchem unternehmer leicht machen sollen, hier zu investieren. viel gravierender ist aber die militärische situation. ich will nicht behaupten, daß einem das wirklich angst machen würde: doch überall sind soldaten unterwegs, von bayern nach rheinland pfalz bis hier hoch nach nordhessen gibt es hunderttausende amis, G.I.s genannt. doch niemand macht den eindruck, der krieg würde vor der tür stehen. sie sind zur abschreckung hier, freundlich-ignorant, mitten in deutschland, an der meistbewaffneten grenze der welt. 50 km entfernt vom "Fulda Gap", wo sich atomare sprengköpfe gegenüber stehen, mit namen SS 20 und pershing. wo 120 sogenannter taktischer atomsprengköpfe in schächten darauf lauern, den erwarteten vormarsch der roten armee zu brechen. wo sich der antifaschistische Schutzwall der DDR durch die liebliche landschaft zieht, wie ein reißverschluß entlang einem liegenden frauenkörper, und so eine nicht zu ignoriende, schreckliche schönheit verbreitet.
das verpennte rotenburg an der fulda war irgendeinem landgraf von hessen immerhin ein barockes residenzschloss wert, mit einem schönen park am wehr, wo der fluss sich staut. später wollte die bundeswehr bei der abschreckung mitmachen und baute eine panzerkaserne in die landschaft. vor allem aber wurde für die vertriebenen aus dem verlorenen osten deutschlands ein ganzes neues viertel, die sogenannte"hochmahle" hingestellt. mit strassennamen wie "danziger" und "königsberger". wir wohnten etwas den berg hinauf in der breslauer strasse. nachts fuhren die panzer nach ihren übungen auf der 200 m entfernten ausfallstrasse zurück in die kaserne und machen mit ihren Ketten einen höllenlärm.
auf der 30 jahre abiparty kommt heraus, als was für eine grosse sünde es galt, zu den amis in den "club manhattan" zu gehen. vor allem die kinder der lehrer unseres altehrwürdigen gymnasiums geben zu protokoll, als was für ein no-go es galt, zu den G.I.s und ihrer musik oder gar ihren drogen zu gehen. hier kommt mir zur abwechslung mal die ignoranz meiner eltern zu gute. die hatten auf ihre art gar keine ahnung, wo sie waren, so beschäftigt waren sie mit sich und dem unvermittelt eingetretenen erreichen der beruflichen ziele meines vaters.
jedenfalls haben sie nichts dagegen, meine eltern, bzw. wissen sie überhaupt nicht, daß ich mit ein paar cracks aus der oberstufe angebändelt habe, im sommer 1975. was mich überzeugte, daß ich trotz meiner noch nicht ganz 14 jahre reinkommen würde in den "club", war mein samtjacket.
ich bin wohl doch sehr der sohn meines vaters. vielleicht einfach, weil ich mich nicht wehren konnte. mein vater ist ein versprengter großstadtjunge aus dem reichen berliner westen. der krieg und der nachkrieg sind die prägenden erfahrungen seiner generation. die aufstiegsträume der "herrenrasse", also der bourgeosie berlins - wie vermutlich die (fast) ganz deutschlands - haben sich nicht erfüllt. beziehungsweise, so erscheint es heute: sie mussten sich vielleicht nur modifizieren.
wie die meisten seiner klassenkameraden kehrt er berlin ende der 50er jahre den rücken und bleibt doch im grunde mit einem guten teil seiner person immer dort. 1974, am höhepunkt seiner karriere als kardiologe, leistet er sich, in der grunewalder villa seiner eltern eine partywohnung einzurichten. alles wird komplett mit einlegeteppichen überzogen, grelle, wilde farben an den wänden, orgientaugliche liegelandschaften, runde lampen von der decke herab, glastische, poppige stereoanlagen, surrealistische bilder an den wänden. einmal mehr überrascht er einen mit einer neuen inkarnation, die in ihm geschlummert haben muss. der nachbar ein redakteur des renommierten tagesspiegels. vaters neuer benz fährt uns in 4 stunden nach hause, nach berlin. unser alter wohnort freiburg im breisgau, so schön es war, war immer zu weit weg. nordhessen war vergleichsweise nah.
irgendwo in einem berliner second hand laden erstehe ich das beige-goldene samtjacket. es passt mir wie angegossen. vater macht einen seiner seltsamen kommentare: "das jacket ist von selbach, da kaufen die schwulen ein". ich kannte selbach, am lehniner platz, der 19er bus fuhr daran vorbei, super schaufenster. mit diesem jacket komme ich an jedem türsteher vorbei. auch an dem vom "club manhattan" in G.I. Hessen.
wie übersetzt man "earth shattering expierience"? vielleicht mit "erdrutschartige veränderung"? jedenfalls schaffen wir es reinzukommen in diese vorort-scheune im sommer 1974. hauptthema des abends ist, an etwas zu kiffen zu kommen und abzurocken. DJ ist ein typ namens lucky. unser anführer ist johannes, genannt "porno", ein internatsschüler aus der oberstufe, er kennt lucky. ich glaube paetzold, clamby und bergmann sind auch noch dabei. ob es was zu kiffen gab weiß ich nicht mehr. der erste joint fällt in diese zeit, ist meiner erinnerung offenbar aber nicht wichtig genug, mich interessiert die musik und was mit mir passierte. parole ist lucky´s "progressive halbe stunde", wo er pink floyd oder led zeppelin, vielleicht auch deep purple oder black sabbath, also irgendetwas weißes, stoned gut zu geniessendes auflegt. mit einem schwung kommen alle bundeswehr-parkas auf die tanzfläche, die girls mit ihren kämmen in der jeansarschtasche dazu.
nehmen wir einen der dauerbrenner dieser zeit, "stairway to heaven". diese "weiße" musik leistete sich dramaturgie. ein ewig langes intro, der gasang setzt ein, alles kommt zur ruhe, nimmt den faden erneut auf, noch ne strophe, das playback baut sich stufe um stufe, fast quälend langsam auf. wenn nach verdammten 4 minuten endlich die unglaublich funkigen drums einsetzen, entsteht auf der tanzfläche wildes, jedoch meist stehendes headgebange, der nebelwerfer tut das seine bis zum orgiastischen finale. wenn er gut drauf ist, der lucky, dann haut er meinetwegen "paraniod" von black sabbath nach. eine erste begegnung mit der schönheit proletarisch- nordenglischer musik, lichtjahre entfernt vom imperial symphonischen glanz eines jimmy page. doch irgendwann bald kommt er, der strenge blick aus der DJ-kanzel, der bedeutet daß jetzt schluß ist mit der "progressiven halbe stunde".
die leute, denen der "club" gehört, wollen ihre tanzfläche zurück. draussen stehen ihre Ami-schlitten, manchmal sind es echte, fette Lincolns, Pontiacs oder Chevrolets, oft sieht man den Ford Mustang, doch für das fußvolk taugt auch ein hochgebockter opel oder deutscher Ford. die autos der G.I.s müssen nicht zum TÜV, die können so breite reifen haben, wie sie wollen, vor allem hinten gerne etwas höher, schon sehen sie nicht mehr deutsch aus. und die afroamerikaner unter ihren besitzern tragen gerne anzüge, mit streifen, glänzend bunte hemden darunter. hüte mit breiten krempen und stiefel mit schlangenmuster. fabelwesen aus einer anderen welt. dagegen bekommt man beim anblick der weissen Amis fast etwas mitleid, denn die hätten nach der mode der zeit so gerne lange haare. doch wie es ist, so kämmen sie, was von ihrem militärischen kurzhaarschnitt übrig bleiben darf, mit gel und pomade nach vorne und sehen dementsprechend absurd aus.
vielleicht hatte ich schon am joint gezogen, oder gar ein bier getrunken, ich hatte einen vagen begriff von so etwas wie "schwarzer" musik. in westdeutschen TV shows der 60er/70er waren unfassbar gute künstler wie ray charles oder ike&tina turner durchaus zu sehen. besonders tinas performance und ihr kurzer rock sorgten für aufruhr vor dem elterlichen bildschirm. aber nichts, rein garnichts hatte mich vorbereitet auf diesen seismischen shift, als nach lucky´s "progressiver halbe stunde" auf einmal ein typ in die menge reinfragt: "can I get up an do my thing?, can I get into it? movin´it, groovin´ ít?" und dann, ein drumfill, da-rat-tat-tat.....
in seiner autobiografie beschreibt albert speer seinen ersten besuch einer hitler-rede an der berliner hasenheide als eine art offenbarung, bei der sich "der boden auftat und ein licht aus der tiefe kommt". mein boden tut sich auf, als die ersten takte von james brown´s "sex machine" beginnen: 1000 jahre musikgeschichte rauschen in sekunden an mir herab und vorbei in dieser scheune am fulda gap und ich befinde mich mitten in einer archaisch-musikalischen geister beschwörung. nicht nur, wie diese "shaft" typen mit den kremp-hüten sich auf einmal bewegen, nein, alles um mich herum sieht auf einmal neu und anders aus, als hätte ich ein raumschiff nach memphis betreten und merkte es erst jetzt.
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Kommentare
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